Ich habe zwar keine Zweifel an deinen Beobachtungen, aber sie enthalten unbeabsichtigt methodische Fehler, die das Ergebnis verzerren.
Die Lagerung ist vollkommen Schnuppe - die Nutzung respektive die schonende Ladung hat einen wesentlich größeren Einfluss...
Dieses Fazit ist nicht besonders überraschend, weil du die kalendarische Alterung und die zyklische Alterung in einen Topf wirfst. Außerdem werden neue und gebrauchte Akkus miteinander verglichen.
Das ist aber nicht sinnvoll, wenn man die tatsächlichen Effekte bestimmen möchte.
Jeder Lade-Entlade-Zyklus lässt die Zelle unweigerlich altern, je nach Belastung beim Laden und Entladen unterschiedlich stark. Das ist ein unbestrittener Fakt, die von vielen Nutzern auch praktisch bestätigt wurde.
Die kalendarische Alterung findet davon (weitgehend) unabhängig statt.
Jetzt einen Vergleich anzustellen, bei dem unbenutzte Akkus mit benutzten Akkus auf eine Stufe gestellt werden, lässt kaum Aussagen über den Effekt der kalendarischen Alterung zu, man kann das bei einem benutzten Akku im praktischen Gebrauch nicht mehr voneinander trennen.
- unbenutzte Akkus, die bei 3,8 V lagern. Diese habe ich seit inzwischen knapp 3 Jahren (man erinnere sich an die damaligen Sonderangebote...)
Bedeutet "unbenutzt", dass diese frisch gekauft und dann auf Lagerspannung eingelagert wurden?
Falls ja, dann ist deine Beobachtung genau das, was man erwarten kann.
Fabrikfrische, unbenutzte Lithium-Akkus enthalten natürliche "Stabilisatoren", welche die normalerweise feststellbare kalendarische Alterung quasi auf Null reduzieren. Das Wort "Stabilisatoren" steht in Anführungszeichen, weil diese "Stabilisatoren" nicht im Form von Konservierungsmitteln oder so zugesetzt werden, sondern als Folge der normalen Herstellungsprozesse entstehen bzw. vorhanden sind.
Genau genommen ist es so, dass etwas fehlt, was beim normalen Gebrauch der Akkus entsteht und deren kalendarische Alterung verursacht. Da jeder Lade-Entlade-Zyklus zu Schäden der Zelle führt (Demetallierung der Kathode, Zersetzung von Leitsalz und Elektrolyt), wird dabei auch immer etwas "Abfall" frei, wir Chemiker nennen das den "katalytischen Dreck".
Dieser "katalytische Dreck" beschleunigt die Zerfallsreaktionen im Akku, die hauptsächlich zur kalendarischen Alterung beitragen. Bei einem frischen Akku (Pi mal Daumen < 10 Ladezyklen) ist der "katalytische Dreck" noch nicht vorhanden bzw. in der Menge noch nicht ausreichend, so dass die kalendarische Alterung kaum auftritt.
- Akku-Sets, die als 4er Pack voll geladen bei 4,2 V auf ihren Einsatz warten
Diese Akkus wurden insgesamt 12x geladen
Wenn diese Akkus noch recht frisch sind, dann wirkt sich auch bei denen die kalendarische Alterung (noch) nicht ausreichend aus.
- Akku-Sets, die in Form von Taschenlampen oder Powerbanks täglich im Einsatz sind und somit in den letzten 3 Jahren durchaus 150 Ladungen hinter sich gebracht haben dürften
Hier kann man von einem gemischten Effekt aus kalendarischer Alterung und zyklischer Alterung ausgehen, die sich nicht mehr voneinander unterscheiden lassen.
Um wirklich verlässlich Daten über den Effekt der kalendarischen Alterung zu erhalten, müsste man eigentlich Akkus, die ausreichend viele Zyklen hinter sich haben (20 dürften reichen) voll geladen und halbvoll geladen für ausreichend lange Zeit einlagern und bei denen die kalendarische Alterung bestimmen.
Wie geschrieben:
Deine Beobachtungen sind absolut logisch und nachvollziehbar, die Schlussfolgerungen jedoch aufgrund der erwähnten Gründe so pauschal nicht zutreffend.
Daher finde es auch etwas vorschnell, die allgemein anerkannte "Lagerspannung" als unnötig/wirkungslos abzutun.