Es liest sich für euch vielleicht merkwürdig, aber ich freue mich über etwas, über das die meisten wahrscheinlich in der Rubrik "Riesengroße Schei*e" (gibt's die hier?) berichten würden. Warum tue ich das? Was ist passiert?
Ich beschreibe zunächst einmal die Ereignisse, wie sie sich nach meiner Wahrnehmung zugetragen haben:
Am letzten Samstag wollte ich einen Freund besuchen. Ich war mit meinem Fahrzeug gerade auf die Autobahn aufgefahren, als ich im Radio eine Durchsage hörte, dass sich nach einem schweren Unfall unmittelbar hinter "meiner" Auffahrt ein Stau bis zum Autobahnkreuz, an dem ich wieder abfahren musste, gebildet hatte. Nun, wenn man direkt auf ein Stauende zufährt, ist es ziemlich sinnlos, erst noch Gas zu geben, bloß um 100 oder 200 m weiter scharf bremsen zu müssen. Also ließ ich den Wagen ungefähr mit Tempo 60 laufen und bremste dann ganz sacht, um ohne Hektik zum Stehen kommen zu können. Ich war bei ca. 50 km/h und noch etwa 50-60 m vom Stauende entfernt, als ich schräg hinter mir einen dunklen Schatten wahrnahm, doch ehe ich überhaupt sehen konnte, was es war, spürte ich einen Schlag von hinten rechts, als hätte mich eine riesige Faust im Rücken erwischt. Gleichzeitig gab es einen Knall, als hätte jemand direkt im Auto eine Pistole abgefeuert. Mein Fahrzeug geriet völlig außer Kontrolle, trotz des Versuchs des Gegenlenkens meinerseits wurde der Wagen von der rechten auf die linke Fahrspur geschleudert, wurde auf die linke Seite umgeworfen und rollte dann weiter aufs Dach. Auf dem Dach schlitterte der Wagen bis zur Mittelleitplanke, schlug dagegen und blieb nach einer weiteren Viertelkreisdrehung nach rechts auf dem Dach liegen, mit der Fahrerseite dem rückwärtigen Verkehr zugewandt.
Merkwürdigerweise kann ich mich an praktisch alles erinnern, was während des Unfalls passierte bzw. mir durch den Kopf ging: die totale Überraschung beim Schlag von hinten rechts und dem Knall, dann die verzweifelte Erkenntnis, dass Gegenlenken nichts mehr half und die Gewissheit, dass ich an dem Tag wohl nicht mehr zu meinem Freund fahren würde, zumindest nicht mehr mit diesem meinem Auto.
Ich brauchte nur Sekunden, um mir klarzumachen, dass ich mich in einer ausgesprochen prekären Lage befand, denn wenn jetzt noch irgendein Döskopp zu spät bremsen und in mein auf dem Dach liegendes Auto fahren würde, wäre von mir wohl nicht mehr viel übriggeblieben, das zu bergen sich gelohnt hätte. Also ganz schneller medizinischer Selbstcheck: Arme und Beine noch voll beweglich? - Positiv! -- Kopf noch voll beweglich? - Positiv! -- Irgendwelche starken Blutungen? - Negativ! -- Gut, dann nichts wie raus aus dem Wrack! Sicherheitsgurt lösen, auf den Dachhimmel abrollen und zur Beifahrerseite rutschen, Tür öffnen und dann schnell nach draußen. Schnell aufrichten und schauen, welches Lagebild sich mir bot: Alles war sicher, der Verkehr hinter mir war komplett zum Erliegen gekommen, mit gut 20 m Abstand zu dem, was einmal mein Auto gewesen war.
Und in dem Moment vernahm ich eine sonore männliche Stimme, und die kam aus meinem Auto! Ich dachte zuerst, ich hätte Halluzinationen, doch dann hörte ich die Stimme noch einmal, wie sie ihre Worte wiederholte: "Hier spricht die Feuerwehr, wir haben den automatischen Notruf Ihres Fahrzeugs erhalten. Bitte teilen Sie uns mit, wo Sie sind und was passiert ist." Ach ja, das automatische Notrufsystem, tatsächlich, das funktioniert sogar noch, wenn das Fahrzeug nur noch ein Trümmerhaufen ist. Also meldete ich mich, teilte dem freundlichen Herrn von der Rettungsleitstelle mit, was geschehen war, wo ich mich befand, dass ich zum Glück alleine im Wagen gesessen hatte und beantwortete die Frage, ob ich verletzt sei mit den Worten "Wahrscheinlich ja, denn mir tut der Rücken weh. - Wo? - Rechte Seite, in der Nähe der Wirbelsäule, etwas unterhalb der Brustwirbel. - OK, bewegen Sie sich möglichst wenig bis gar nicht, die Rettung ist schon unterwegs zu Ihnen, denn es gab etwas weiter vor Ihnen noch einen weiteren Unfall."
Und ein Unfall war es in der Tat. Der dunkle Schatten, den ich unmittelbar vor dem harten Schlag von hinten rechts bemerkt hatte, stammte von einem großen dunkelblauen Transporter, dessen Fahrer nach Zeugenaussagen mit hohem Tempo und ohne zu bremsen auf das Stauende zugerast war und wohl erst im letzten Moment noch versuchte, über den Standstreifen nach rechts auszuweichen. Dabei hatte er mein Fahrzeug hinten rechts gerammt und es wie eine Billardkugel nach links über die Autobahn geschossen. Der Fahrer stieg langsam aus seinem Fahrzeug, aber statt zu uns (= ich und eine Handvoll Menschen, die sich sofort um mich kümmerten, mich über die Fahrbahn in Sicherheit geleiteten, mir Wasser gaben und sich nach meinem Befinden erkundigten) herüberzukommen, ging er zwischen dem Leitpfosten hinter seinem Fahrzeug und dem Heck seines Tranporters nur auf und ab wie ein Raubtier in seinem Käfig, sprach kein Wort, versuchte nicht einmal zu telefonieren oder sonst irgendwas. Vermutlich saß ihm der Unfallschock in den Knochen.
Die Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rettung sowie die Polizei trafen schon nach ein paar Minuten ein, begannen damit, die Unfallstelle soweit zu räumen, wie es ihnen möglich war, und während die Kollegen von der Rettung mich nach einem kurzen Check in eine Spezialtrage packten, welche bei möglichen Rückenverletzungen dafür sorgen soll, dass der Transport ins Krankenhaus nicht in einer Querschnittlähmung resultiert, befragten mich eine freundliche Polizistin nach dem Unfallhergang, welchen ich so gut schilderte, wie es mir möglich war. Im Krankenhaus brachte man mich in den sogenannten Schockraum, wo man mir kurzerhand Hemd und Unterhemd zerschnitt, um mich besser untersuchen zu können, ohne mich dabei mehr als notwendig zu bewegen. Anschließend wurde ich noch eingehend geröngt und in die Notaufnahme verbracht, wo ich die nächsten vier Stunden auf einem Notbett verbrachte. Es war ungemütlich, hart, kalt und ich konnte erst nach ungefähr zwei Stunden meine bessere Hälfte verständigen, die vor Schreck fast in Ohnmacht fiel, weil sie mich schon längst bei meinem Freund wähnte, als ich ihr eröffnete, dass ich zumindest die nächsten paar Tage im Krankenhaus verbringen würde und unser Auto nur noch ein Haufen Schrott war.
Schließlich kam der behandelnde Arzt zu mir, stellte sich kurz vor und teilte mir mit, der Verdacht auf eine Rückenverletzung hätte sich nicht bestätigt, es seien jedoch drei Rippen hinten auf der rechten Seite gebrochen, daher auch die starken Rückenschmerzen, die mich wohl während der nächsten zwei, drei Wochen begleiten und erst allmählich nachlassen würden. Zur Beobachtung wolle man mich aber erst einmal für fünf bis sechs Tage, ggf. auch länger im Krankenhaus behalten.
Ihr fragt ihr euch vermutlich schon die ganze Zeit, ob der Captain nicht einen Knall hat, solch ein Erlebnis in der Rubrik "Warum ich mich gerade tierisch freue!" zu posten: Auto Schrott, drei Rippen gebrochen, starke Schmerzen, jede Menge Lauferei und Ärger, Papierkrieg mit Versicherungen, Anwälten usw.
Hat der alte Graubart nicht am Ende einen Hirnschaden davongetragen oder zumindest eine heftige Wahrnehmungsstörung?
Nun, so könnte man es sehen. Doch ich sehe die Sache gänzlich anders, und vielleicht könnt ihr euch in mich hineinversetzen, wenn ich euch meine Gedanken dazu schildere:
Ich freue mich, dass ich ganz offensichtlich Glück im Unglück hatte. Vielleicht sollte ich sogar sagen, dass ich noch viel mehr Glück als Unglück hatte.
Denn dieser Unfall hätte mich auch das Leben kosten können! Dieser Unfall hätte mich in den Rollstuhl befördern können! Mein Auto wurde mit über Tempo 100 regelrecht von der Fahrbahn geschossen, überschlug sich, knallte gegen die Leitplanke und dennoch blieb ich, von drei gebrochenen Rippen abgesehen, völlig unverletzt. Ich wurde in kein anderes Fahrzeug geschleudert, und es knallte kein weiteres Fahrzeug in das auf dem Dach liegende Wrack, in dem ich mich befand. Es waren sofort helfende Hände da, die mich sicher über die Fahrbahn geleiteten, mir zu trinken gaben, dafür sorgten, dass ich nicht alleine blieb und mich erst mit den besten Wünschen gehen ließen, als die Rettungskräfte mich übernahmen. Ich wurde binnen kürzester Zeit fachmännisch versorgt und in eines der besten Krankenhäuser der Welt verbracht, ein renommiertes Universitätsklinkum, mit den besten Ärzten, den modernsten medizinischen Geräten und Behandlungsmethoden und einer stationären Betreuung, die vorbildlich war. Ein geräumiges, modernes Einzelzimmer mit Balkon, Dusche, TV und allem, wie ein 4-Sterne-Hotel, und selbst das Essen war durchaus annehmbar. Und zu allem Glück war man nach einer weiteren Röntgenuntersuchung heute Morgen der Meinung, dass man mich nunmehr umgehend nach Hause entlassen und in die Obhut meines überaus fähigen Hausarztes überstellen könnte. Was für ein Grund zur Freude. Und zur Dankbarkeit meinem lieben Schwager gegenüber, der ohne zu murren während der vier Tage zig Mal "mal eben" zum Krankenhaus kam, meine Frau hin- und herfuhr, mich heute abholte und wohlbehalten nach Hause brachte.
Ich bin froh und dankbar, in einem Land leben zu dürfen, in dem man auch als Normalverdiener genug verdient, um sich ein Fahrzeug leisten zu können, das soviel Sicherheit bietet, dass man selbst derartige Horror-Unfälle praktisch unverletzt übersteht. Ich bin froh und dankbar, dass es in unserem Land immer noch genügend Menschen gibt, die freundlich und hilfsbereit sind. Ich bin froh und dankbar, dass es in unserem Land auch für ganz normale Kassenpatienten eine medizinische Versorgung gibt, um die uns vermutlich mehr als 90 % der Welt beneiden. Ich bin froh und dankbar, dass es bei uns ein Sozialsystem gibt, welches mir trotz voraussichtlich fünf bis sechs Wochen Arbeitsunfähigkeit die Weiterzahlung meines Gehalts garantiert und ein Rechtssystem, welches mir zur Durchsetzung eines angemessenen Schadensersatzes verhelfen wird. Das alles ist zumindest im größten Teil der Welt durchaus nicht die Selbstverständlichkeit, für die es hierzulande immer gehalten wird.
Vor allem aber freue ich mich und bin dankbar, dass ich noch am Leben bin, zwar mit drei gebrochenen Rippen, aber ansonsten wohlauf. Ich freue mich wie Bolle, dass ich eine tolle Familie habe, die zusammenhält wie Pech und Schwefel und für einander da ist. Und ich freue mich, dass ich meine Frau heute wieder in den Arm nehmen konnte (natürlich vorsichtig

).
So, jetzt versteht ihr vielleicht, warum ich mich entschieden habe, diese zugegeben etwas längliche Geschichte unter "Warum ich mich gerade tierisch freue!" zu posten. Manchmal sind es die für so selbstverständlich erachteten Dinge des Lebens, an denen man sich am allermeisten erfreuen kann und sollte. Denn wie wichtig diese Dinge wirklich sind, merkt man erst, wenn sie nicht mehr da sind oder sich die akute Gefahr vor einem auftut, sie zu verlieren, nämlich Leben und Gesundheit.
In diesem Sinne: Passt auf euch und eure Lieben auf! Freut euch über jede Minute, in der ihr gesund und glücklich seid! Und fahrt nicht schneller, als euer Schutzengel fliegen kann!