Ich möchte hier und jetzt gerne mal die Rechnung sehen, die als Beweis eines angeblichen Volkswirtschaftlichen Schadens, incl zukünftiger Auswirkungen, herhalten soll. Die Rechnung für den GdL-Streik würde mir vollkommen ausreichen.
Und ich möchte wissen, wer diese Rechnung in wessen Auftrag gestellt hat.
Das ein Streik einiger immer ganz viele betrifft, ist nun mal die Nebenwirkung eines Streiks. Das liegt in der Natur der Sache.
Auch wenn die Absicht ist, einigen wenigen (der Führungsebene) etwas abzutrotzen, wird es niemals anders sein, als kollektiv bluten zu lassen.
Das war auch nie anderes (siehe die früheren Metaller-Streiks, Bergbau, etc pp). Damals wurden Arbeitskämpfe noch deutlich heftiger ausgetragen. Auf einmal liefen keine Autos vom Band, die Kohlenbunker waren leer, usw. Allerdings waren damals weit aus mehr Menschen noch nicht in den aktuellen Komfortzonen wie heute versunken.
Statt dessen wurden in den Strassen mit Pflastersteinen geworfen. Da finde ich die heutige Streikkultur aber mal Mädchenmäßig.
Letztendlich ist unsere Volkswirtschaft derart redundant aufgestellt, dass wir das locker wegstecken können. Fragt euch mal, warum sich Streiks auf einmal derart häufen.
Offenes Wort und ehrliche Meinung meinerseits:
wer sich von den Streiks der Bahn, bei Fluggesellschaften, KiTas belästigt fühlt, hat ganz oft ein Komfort-Problem, nichts weiter.
Unabhängig davon, gibt es natürlich das Einzelschicksal derjenigen, die sich eine Urlaubsreise zusammen gespart haben, aber nicht zum Urlaubsort kommen.
Natürlich gibt es Alleinerziehende, die nicht wissen, wie sie den KiTa-Ausfall stemmen sollen.
Und genau so warten andere auf wichtige Post, in denen es unter Umständen um Fristen geht.
Aber: was meint ihr, wo wir mit unserem heutigen Wohlstandsmief landen werden, wenn einigen nicht Einhalt geboten wird? Glaubt hier irgend jemand ernsthaft, dass sich Arbeitgeber (speziell in den Kapitalgesellschaften) stoppen lassen würden, euch eure Arbeitsrechte, Kündigungsfristen und Lohnniveaus zu nehmen?
Gibt es wirklich jemanden, der glaubt, dass wir dann noch eine Taschenlampe je Woche kaufen könnten, wenn wir das Streikrecht für immer und ewig einschränken?
Glaubt wirklich jemand, Arbeitgeber würden sich dann noch an Sozialkassen und Krankenversicherungen beteiligen, wenn sie durch nichts mehr aufgehalten werden könnten?
Ohne ein umfassendes Streikrecht -
und die nötige Solidarität aller anderen - bekommen wir in Rekordzeit Zustände wie in Teilen des Ostblock. Null Kaufkraft, verrottete Infrastruktur, keinerlei soziale Sicherungssysteme.
Natürlich darf man sich fragen, wie viel der Job eines Flugkapitäns wert ist, und was einem Normalverdiener wie der blanke Hohn vorkommt.
Natürlich darf man sich fragen, ob eine kleine Gewerkschaft nicht einfach mit einer größeren zusammen gehen sollte.
Damit wir am Ende eine Einheitsgewerkschaft haben? Mit den gleichen Lobbyisten am Ruder wie bei der Arbeitgeberseite, die sich nur noch auf dem Golfplatz treffen. Es gibt weltweit kein einziges Beispiel für eine nicht korrupte Einheitsgewerkschaft. Null!
Es gibt aber reichlich Beispiele in der Geschichte, in denen es mangels Gewerkschaften und Streikrechten irgendwann zu Revolten kam. Denen ist immer gemeinsam, dass Blut fliesst. Wessen Blut würden wir denn dann am liebsten fliessen sehen? Das des Nachbarn, der Kinder, oder das eigene? Oder wäre es dann besser, wenn die Köpfe der Arbeitgeber übers Pflaster rollen?
Und wessen Arbeitgeberkopf soll es dann sein? Der, der sich bemüht hat Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen, wird dann nämlich auch dabei sein. Dann wird nicht mehr unterschieden, wenn der Mopp und die Staatsräson aufeinander prallen. Kollateralschäden? Was soll's, ist ja für einen guten Zweck - schliesslich haben wir die Streikrechte und anderes aufgegeben, weil wir es kurzfristig etwas komfortabler haben wollten.
Blöd nur, dass wir dann alle köpfen werden, die wissen wie Wirtschaft funktioniert und so schnell keine mehr ans Laufen bekommen, die alle ernähren kann. Wenn wir damit fertig sind, sitzen wir erst mal wieder ein paar Hundert Jahre auf Bäumen, werfen mit Steinen, und graben Wurzeln aus.
Gemessen an solchen Szenarien finde ich die "Unanehmlichkeiten" - und was anderes ist es mMn nicht - vollkommen angemessen. Das Streikrecht ist, so wie es aktuell gültig ist, eine der grössten Errungenschaften unserer Gesellschaft. Das es zuweilen gewisse Blüten treibt ist die Antwort auf die Blüten, die auf der anderen Seite des Zaunes wachsen. Irgendwann hat eine der Blüten eben keinen Platz mehr, sich weiter auszubreiten.
Es ist auch müssig, zu hinterfragen, wer den ersten Stein ins Gewächshaus geworfen hat. Wichtig ist, dass nachher ein Konsenz heraus kommt. Und das wird durch genau dieses Streikrecht gefördert.
Statt uns über die Komforteinbußen - also Jammern auf allerhöchstem Niveau - zu unterhalten - sollten wir lieber den Wortlaut der eingereichten Gesetze lesen. Und jedes Komma und jede ungenaue Formulierung hinterfragen! Genau so wie wir fragen sollten, wer es eigentlich eingereicht hat. Und wieso dieser jemand oder diese Gruppe, bei einer anderen Interessengruppe für 50.000,- bis 100.000,- je Abend Vorträge hält.
War zu krass? Kann sein. Aber wehret den Anfängen. Sonst halten wir die Lawine nicht mehr auf.
Und ja - im nächsten Leben werde ich auch Pilot. Die sehen bei jedem nächtlichen Landeanflug Beamshots.
